Der wesentliche Fehler erfolgloser Drehbuchautoren

Liebe Fan-Gemeinde von Vienna-Filmcoach!

Leider müssen wir euch an dieser Stelle die traurige Mitteilung machen, dass Ip Wischin am 18.11.2023 völlig unerwartet verstorben ist.
Ein Nachlass auf unseren lieben Lehrer, Coach und Freund ist in Arbeit.
Bis dahin Kopf hoch und – ganz in seinem Sinn – möge die Macht mit euch sein!

Marc Miletich, 1. Padavan von Ip

Der wesentliche Fehler erfolgloser Drehbuchautoren

 In meiner Zeit als Drehbuchautor für den Österreichischen Rundfunk – das ist schon sehr lange her – arbeitete ich auch gelegentlich als Lektor für das Skript Department, wo ich eingereichte Drehbücher auf ihre Tauglichkeit überprüfen musste. Im allgemeinen genügt ein Blick auf die erste Seite, um zu erkennen, ob man es hier mit dem Werk eines talentierten Autors zu tun hat oder nicht. Worauf richtete ich mein Augenmerk? Nun, lasst mich ein wenig ausholen: der französische Kultregisseur und Mitbegründer der Nouvell Vague, François Truffaut (Bild), beklagte, dass man als Filmkritiker permanent mit den Meinungen unbedarfter Laien konfrontiert sei. Während sich kaum ein Normalverbraucher getraut, einem Musikkritiker dreinzureden – beispielsweise, wenn es um die Kritik einer Aufführung einer Bruckner-Symphonie geht – hält sich jeder Kinogeher für einen Experten. Und ebenso, wie jeder Filmkonsument seine Geschmacksäußerungen bereits für fundierte Filmkritik hält, glaubt jeder, der schon ein paar Filme gesehen hat, er habe verstanden, worauf es ankommt. 

Wie erwirbt sich ein professioneller Kritiker, der vielleicht auch Ambitionen hat, selber Kunst zu schaffen, seiner Kennerblick? Die Antwort darauf klingt einfach, ist es aber nicht: um eine Kunst zu verstehen, darf man sie nicht nur auf sich wirken lassen, was man auch als passives Konsumverhalten verstehen könnte, man muss auch dekonstruieren können. Damit ist ein Vorgang gemeint, der oft auch als »reverse engineering« bezeichnet wird. Dahinter steckt die Frage: wie ist das gemacht und wieso erzielt es diese Wirkung?

Wenn ich also ein Drehbuch lese, erkenne ich sofort, ob hier jemand die Sprache des Films verstanden hat, ob er also Konstruktion durch Dekonstruktion gelernt hat. Film ist eine abstrakte Zeichensprache: die Figuren, Requisiten und Bauten bzw. Landschaften sind - und das versteht der Laie nicht - Zeichen mit Bedeutung.  Ein ungelernter Drehbuchautor verfügt nicht über die Fähigkeit, einen Gedanken in filmische Zeichen zu übersetzen, da er nicht zu konstruieren vermag. Er ist also auf bewährte Tropen angewiesen, was nichts anderes heißt, als dass er Klischees ansammelt und neu arrangiert. Man erkennt also sofort die Figuren als zwar psychologisch beobachtet aber für die Gesamtaussage bedeutungslos. Gleiches gilt für die Verwendung von Standardsituationen (Familie am Frühstückstisch, Bettszene, Verfolgungsjagd etc.) und Standardrequisiten (Pistole, Schwert, Telefon, Kaffeetasse etc.), die auch nur standardmäßig verwendet werden: die Pistole schießt, der Besen kehrt, das Auto fährt.

Leider tragen viele Filmlehrbücher zu diesem Missverständnis bei, indem sie sich auf die Struktur als Erfolgsrezept versteifen. Bei Syd Field etwa ist die Handlung eines Films wie eine Wäscheleine, an die man an bestimmten Plot Points mehr oder weniger beliebige Tropen aufhängt. Selbst an vielen Filmschulen und -akademien ist der Lehrkörper überfragt, wenn man sich danach erkundigen will, wie denn der Sinn in den Film kommt. Denn ob eine schießende Pistole als im Kontext sinnvoll empfunden wird oder nicht, macht allen Unterschied der Welt aus.

Filmisches Denken besteht in einer Übersetzungsleistung. Da ist ein abstrakter Gedanke, vielleicht verbunden mit einem Gefühl, den ich als Filmkünstler in eine Zeichensprache - in meine Zeichensprache - übersetze, sodass der Rezipient sie beim Betrachten in den Gedanken und das Gefühl rückübersetzt. Wer auf die Frage „Wie zeige ich, dass Max durstig ist?“ antwortet: „Der Schauspieler, der Max spielt, muss durstig dreinschauen,“ hat noch gar nichts verstanden. Film ist die Kunst, mit einer Kamera auf abstrakte Dinge zu zeigen: Liebe, Verrat, Eifersucht, Ehrgefühl, Todesangst, Hass… - Man muss nur einen Blick auf ein Drehbuch werfen, um zu erkennen, ob der Autor diese unsichtbaren Gegenstände auf originelle Weise sichtbar zu machen versteht, oder ob er lediglich die Oberflächenwirkung seiner Lieblingsfilme imitiert. 

Filmschauen per „reverse engineering“ kann man lernen. Wer sich dafür interessiert, für den habe ich diesen Link

Wir wünschen fröhliches Dekonstruieren!