Kann man aus einem schlechten Drehbuch ein gutes machen?

Liebe Fan-Gemeinde von Vienna-Filmcoach!

Leider müssen wir euch an dieser Stelle die traurige Mitteilung machen, dass Ip Wischin am 18.11.2023 völlig unerwartet verstorben ist.
Ein Nachlass auf unseren lieben Lehrer, Coach und Freund ist in Arbeit.
Bis dahin Kopf hoch und – ganz in seinem Sinn – möge die Macht mit euch sein!

Marc Miletich, 1. Padavan von Ip

 

Wenn man ein Drehbuch geschrieben hat, dann tut man gut daran, es mehreren Leuten zu Lesen zu geben. Allein schon wegen der eigenen Betriebsblindheit, ist es gut, sich mehrere unterschiedliche Meinungen einzuholen. Dabei gibt es ein großes Problem: die Höflichkeit unter Freunden. Kaum einer wird es dir offen sagen, wenn er dein Geschreibsel für Mist hält. Mit ein bisschen Glück findet man aber einen Bekannten, der ehrlich genug ist, zu sagen, wenn das Drehbuch stinkt. Woran das genau liegt, wird dieser vielleicht nicht sagen können; zumindest aber, dass es vielleicht verwirrend oder langweilig oder banal oder gekünstelt wirkt, dass die Charaktere unglaubwürdig oder steif wirken, dass es viele Klischees gibt, etc. etc. – hier kommt der Skript Doktor ins Spiel. Im folgenden zitiere ich aus meinem Buch »Skript Doktor!«, das vor kurzem erschienen ist:

 

Skript-Doktoren müssen Drehbücher lesen und auf deren Schwächen hin untersuchen. Dann müssen sie Empfehlungen abgeben, wie diese Schwächen bereinigt werden können. Dabei darf Folgendes nicht passieren: Der Skript-Doktor empfiehlt, was ihm selbst gefallen würde. Im Grunde sind schlechte Filmemacher daher oft die besseren Skript-Doktoren, weil sie keinen eigenen Stil verfolgen. Ein guter Skript-Doktor erteilt seinen Rat im Dienste der objektiv besseren Dramaturgie, aber auch einer möglichst genuinen Stilentfaltung bei seinen Klienten. 

 

Mein persönliches Credo ist, dass das bloße Lesen eines Drehbuchs nichts bringt, wenn man daran herumdoktern möchte. Oft erschließt sich die Absicht des Autors aus der bloßen Lektüre nicht. Vielleicht wollte er da oder dort eine komische Szene schreiben, die aber beim nüchternen Lesen eher als bedrohlich wahrgenommen wird. Der Skript-Doktor muss den Autor an den Punkt bringen, an dem er seinen eigenen Film überhaupt erst zu verstehen beginnt. Das Problem dabei ist, dass die meisten Autoren von der naiven Perspektive aus starten, die meint, dass mit Film eine direkte Eins-zu-eins-Erfahrung in Form von geordneten Erlebnishäppchen gestaltet wird, und zwar im Gegensatz etwa zur Literatur, wo der gelesene Satz erst durch den Leser in innere Vorstellung übersetzt werden muss. 

 

Was also tut der Skript Doktor, wenn er es mit einem schlechten Drehbuch zu tun hat? Zunächst einmal wird er mit dem Autor abklären, was dessen Absicht war: Unterhaltung, Humor, Aufzeigen einer wichtigen Botschaft, Aufmerksamkeit in Künstlerkreisen etc. – Dann öffnet der Skript Doktor seinen Erste-Hilfe-Koffer und holt die nötigen Werkzeuge heraus. Dabei handelt es sich meist um analytische Fragen wie solchen nach thematischer Einheit, Deutlichkeit der Dichotomie, Lesbarkeit der Figuren, Kontinuität des Konflikts und immer wieder: wird der Gedanke des Autors adäquat in Bildsprache umgesetzt? Dabei tauchen oft Kardinalfehler auf, wie ich an einem Beispiel schildern möchte: vor einiger Zeit arbeitete ich als Skript Doktor an einem Kurzfilm. Darin wird (im Drehbuch) eine Szene geschildert, in der die Protagonistin in ihrem Zimmer sitzt und Gitarre spielt. Was er denn mit dieser Szene darstellen wolle, fragte ich den Filmemacher (das Drehbuch stammte nicht von ihm). Die Szene solle zeigen, dass die Protagonistin einsam ist. Gitarrespielen ist aber nicht unbedingt ein Zeichen für Einsamkeit. Gewiss hat der Autor an Einsamkeit gedacht, als er sich das musizierende Mädchen vorgestellt hat; filmsprachlich gesehen sagt diese Szene nicht das aus, was der Ursprung des Gedankens war. Darauf muss ein Skript Doktor hinweisen. »Dein Film sagt nicht das aus, was du glaubst, dass er aussagt.« Wie also zeigt man filmsprachlich „korrekt“, dass jemand einsam ist? Dafür gibt es unendlich viele Möglichkeiten, aber sie alle müssen ein wesentliches Element beinhalten: den Gegensatz zu „Geselligkeit“. Wenn dein Film niemals zeigt, was Geselligkeit ist, wird der Gegensatz thematisch nicht darstellbar sein. Das Prinzip ist einfach: du kannst nur zeigen, dass jemand kleinwüchsig ist, wenn er mit normal- oder großgewachsenen Figuren zugleich auftritt. Ich nenne dieses Prinzip »think negative!«

 

Kann man also nun im Dialog zwischen Autor und Skript Doktor aus einem schlechten Drehbuch ein gutes machen? – Man kann. Das hat die Filmgeschichte bewiesen: auch aus einer schlechten Story lässt sich ein guter Film machen, ebenso, wie man eine gute Story vollkommen versauen kann. Viele naive Anfänger glauben, dass mit der Idee und der Story zu einem Film bereits das Wesentliche geleistet sei. Dem ist überhaupt nicht so. Film ist im Wesentlichen eine Übersetzungsleistung. Gedanken werden idealerweise in faszinierende Bilder – oder wie ich sage: Skulpturen aus Licht und Zeit – übersetzt. Wenn wir nach einem gelungenen Filmabend aus dem Kino gehen, so haben wir faszinierende Momente und nicht die Story im Kopf. Hat also dein Drehbuch das Potenzial solche magischen Momente hervorzubringen, so wird es der Skript Doktor finden und gemeinsam mit dir entwickeln.

 

Es ist empfehlenswert, möglichst früh einen Skript Doktor zurate zu ziehen. Oftmals kann der Skript Doktor nämlich, wenn er mit einem fertigen Skript konfrontiert ist, nur noch sagen: »zurück an den Start!« Wer sich für die Arbeit eines Skriptdoktors interessiert und vielleicht lernen möchte, wie man seine eigenen „Patienten“ versorgt, für den habe ich ein Buch geschrieben, das man unter diesem Link bestellen kann. Außerdem gibt es natürlich wieder unsere extrem günstige online-Kursreihe, in der Schritt für Schritt in die Filmsprache eingeführt wird, wie immer mit einem kostenlosen Einsteigermodul zum Schnuppern. Zu einer Übersicht meines Angebotes geht's hier.

 

Die Kunst eines Skriptdoktors ist leider nicht ganz so simpel, wie es uns viele Filmlehrbücher vermitteln, aber sie ist durchaus erlernbar. Ich freue mich auf viele neue künftige Berufskollegen.

 

cinephile Grüße

Euer Vienna Filmcoach

Ip